Bausteine zu Robert Neuhaus

Wie so oft durch Zufall stießen Untere Denkmalbehörde und Rheinisches Amt für Denkmalpflege bei ihrer gemeinsamen Inventarisationsarbeit in Viersen kurz nacheinander auf drei Gebäude ein und desselben Architekten, des in Rheydt und Mönchengladbach ansässigen Robert Neuhaus.

Im Stadtarchiv von Mönchengladbach befindet sich unter der Bestandsnummer 15/54 eine Materialsammlung zum Werk des Architekten Robert Neuhaus. Es handelt sich um die angefangene Dissertation von Hella Eigen, deren plötzlicher Tod leider einen Torso zurück ließ. Die Arbeit befand sich wohl noch in einem frühen Stadium. Der Hauptteil des Materials bezieht sich auf Gebäude von Neuhaus im heutigen Stadtgebiet von Mönchengladbach (Frau Eigen war Mitarbeiterin der dortigen Unteren Denkmalbehörde); aufgrund der problematischen Quellenlage (häufig fehlende Bauakten) und da ein Nachlass des Architekten selbst nicht ermittelt werden konnte, muss offen bleiben, ob das von Frau Eigen zusammengestellte Verzeichnis wenigstens für Mönchengladbach und Rheydt (ca. 80 Positionen) annähernd vollständig ist. Außerhalb von Mönchengladbach hatte sie bis dahin lediglich Neuhaus’ Beitrag zum Kreishauswettbewerb Düsseldorf (1900) und zum Rathauswettbewerb in Kiel (1903) ermittelt - und zwei von ihr noch nicht weiter erforschte Gebäude in Viersen, Villa und Fabrikgebäude des Unternehmers Ernst Heine.

An der Heimbachstraße, einer jener auf den Stadtbauplan von 1860 zurückgehenden Seitenstraßen der Hauptstraße im Zentrum von Viersen und heute direkt neben der etwa gleichzeitig errichteten Festhalle, ließ ab 1910 der Fabrikant Ernst Heine ein Wohnhaus für sich und seine Familie erbauen. In der Tradition der älteren Viersener Unternehmerhäuser steht das Haus Heine als Stadtvilla direkt an der Straße und war als (abschließender) Teil einer geschlossenen Straßenrandbebauung konzipiert. Zu seiner rechten Seite und nach hinten erstreckt sich ein Garten, der in den erhaltenen Entwurfszeichnungen durchgestaltet war und u.a. auch einen Gartenpavillon umfasste. An der Straßenfassade ist ein hohes natursteinverkleidetes Sockelgeschoss von den verputzten Obergeschossen abgesetzt. Dies spiegelt die typische innere Raumaufteilung wider, bei der Küche und andere Wirtschaftsräume für das Personal im Sockelgeschoss von den Wohnräumen der „Herrschaft“ in den Obergeschossen streng getrennt waren. Diese Aufteilung ist heute noch trotz Umnutzung deutlich ablesbar; außerdem sind der Raumgrundriss und prägende Elemente der wandfesten Raumausstattung (Parkettböden, Türen, Wandvertäfelungen, Stuckdecken etc.) einschließlich des Treppenhauses erhalten.

Ernst Heine (1858-1943) war zusammen mit seinem Bruder Georg (1856-1921) 1887 Gründer und bis zu seinem Tode Gesellschafter der Firma Gebr. Heine Zentrifugen; in der Geschäftsleitung verblieb er bis 1929/30. Anläßlich des 50jährigen Firmenjubiläums bezeichnete sich die Firma selbst als „größte Zentrifugenfabrik Europas“; 1984 wurde die Firma aus dem Handelsregister gelöscht. Nachdem die ersten Firmengebäude in den 1890er Jahren noch der ortsansässige Bauunternehmer Ludwig Hansen, ein Schwager von Ernst und Georg Heine, errichtet hatte, erhielt Robert Neuhaus 1914 den Auftrag für ein neues Verwaltungsgebäude an der Greefsallee / Ecke Ringstraße und für weitere Fabrikgebäude in den zwanziger Jahren. Das noch erhaltene stattliche Verwaltungsgebäude mit Belvedere wurde bei der Schnellinventarisation durch das Rheinische Amt für Denkmalpflege 1983 als Baudenkmal benannt.

Als Entwurf von Neuhaus bislang unbekannt war die stattliche Villa Gerberstraße 20 in Viersen, die der Inhaber der Lederfabrik J.W. Marx, Carl Marx, 1921 errichten ließ. Das zweigeschossige Wohnhaus mit Walmdach befindet sich inmitten eines ungewöhnlich weitläufigen Gartengeländes. Seine neubarocke Formensprache entspricht jener Entwurfsphilosophie, die Neuhaus in einer Werbeschrift seines Büros wenige Jahre später so beschrieb: "Bei den Wohnhäusern sind einige reich in echtem Werkstein gestaltet, aber die einfachen Putzbauten sind vorherrschend. Sie können gleichsam als Schulbeispiel dafür dienen, wie aus der Notzeit der Baukunst das schlichte Bürgerhaus wieder hervorgegangen ist. Dabei fällt es auf, daß diese höchst einfachen Häuser vornehmer wirken, wie die mit Erkern, Türmchen, Zierformen und Giebeln allzusehr geschmückten Villen der verflossenen üppigen Zeit vor dem großen Kriege. Daß diese glatte Bauart mit den einfachen Dachformen dem Wetter wenig Angriffspunkte bietet und Schäden hierdurch nicht so leicht entstehen können, mag als besonderer Vorzug vermerkt werden. Indem nach außen aller Aufwand vermieden wurde, konnten umso mehr die zur Verfügung stehenden Mittel zur behaglichen und gediegenen Einrichtung im Innern verwandt werden. Wurden außerdem die Mittel bewilligt, um bei der Ausstattung der Haupträume auch die Möbel nach besonderen Entwürfen der Architekten neu zu beschaffen, so konnten in kultivierter Sachlichkeit vorbildliche Wohnungen entstehen. Die gute Verbindung des Hauses mit dem Garten ist in der Regel durch eine offene Halle herbeigeführt und in den Fällen, wo die Neugestaltung des Gartens in die Hände der Architekten gelegt war, wurden vollkommene Lösungen erreicht, sodaß hier der Garten wirklich als erweiterte Wohnung erscheint." (Quelle: Lit 1, S.5f.)

Trotz einer Nutzungsänderung 1958, als hier ein Exerzitienhaus des Bistums Aachen (“Remigiushaus”) eingerichtet wurde, zu welchem Zweck im Garten ein durchaus qualitätvoller Anbau entstand, sind im Inneren der Villa die ursprüngliche Raumanordnung und bis in Details die wandfeste Ausstattung weitgehend original erhalten. Um eine zentrale Treppenhaushalle mit Galerie gruppieren sich die Zimmer, deren Wandverkleidungen, Stuckdecken, Parkettböden etc. ein sehr anschauliches Zeugnis gehobener bürgerlicher Wohnkultur um 1920 bieten.

Robert Neuhaus wurde 1864 in Krefeld geboren. 1887-94 ist er in Köln nachweisbar, wo er als freischaffender Architekt gemeinsam mit Carl Schauppmeyer ein Büro unterhielt. 1894/95 zog er nach Rheydt, nachdem ihm dort im Wettbewerb für einen Rathausneubau in der damals selbständigen Stadt zunächst der dritte Preis und dann die Ausführung zugesprochen worden waren. Hier wie auch bei dem in der Sammlung Eigen nicht verzeichneten Rathaus in (Duisburg-) Hamborn (1902) und den bekannten Häusern Bismarckstraße 97 und 99 in Mönchengladbach (1895/1901 für Otto Kühlen und Franz Peltzer) arbeitet Neuhaus noch mit monumentalen neugotischen bzw. Neurenaisance-Formen. In der Folgezeit entwickelte sich Neuhaus zusammen mit seinem Teilhaber August Stief zu einem bedeutenden Villenarchitekten in Rheydt und Mönchengladbach. Er verstand es, den sich rasch wandelnden Zeitgeschmack hin zu neubiedermeierlichen oder neubarocken Formen aufzunehmen und in einigen der schönsten Villenanlagen Mönchengladbachs und Rheydts umzusetzen. Neuhaus bediente zahlreiche Unternehmerpersönlichkeiten der beiden Städte, darunter - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - August Dilthey, Robert Endepohl, Paul Froriep, Hubert Leisse oder Paul Naber. Denkmalgeschützte Zeugnisse dieser Karriere sind heute u.a. die überaus stattliche Villa Hecht, Mozartstr. 19 in Mönchengladbach, 1914-16 in neubarocken Formen für Paul Busch errichtet, sowie der Neubau für Ernst Bresges in Zoppenbroich.

So weit bekannt war Neuhaus einigen von ihnen auch privat verbunden. Zum Beispiel war er wohl Mitglied eines Kreises um Herbert Dilthey, der sich schon vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig in Wassenberg rund um das Ausflugslokal “Tante Lucie” zum Jagen traf und dort auch ein Haus besaß. 1931 zog sich Neuhaus ganz nach Wassenberg zurück, drei Jahre später ist er dort gestorben.

Die neue Kenntnis von bislang unbekannten Bauten Robert Neuhaus’ ist nicht zuletzt das Ergebnis der Zusammenarbeit einer kompetenten Unteren Denkmalbehörde und wissenschaftlichem Fachamt. Beide Viersener Villen befanden sich nicht auf der Liste denkmalwerter Bauten, die aus der Schnellinventarisation des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege der frühen achtziger Jahre hervorgegangen ist, sondern wurden durch die Denkmalbehörde “entdeckt”. Die Einordnung in überörtliche Zusammenhänge, in das in Viersen unbekannte Gesamtwerk des Mönchengladbacher Architekten, erfolgte durch das Rheinische Amt für Denkmalpflege. Zusammen mit dem gemeinsamem intensiven Quellenstudium vor Ort sollen so möglichst ausführliche Denkmälerbeschreibungen entstehen, die über die schlichte bauliche Beschreibung hinaus so weit wie möglich auch Geschichte und “Geschichten” zu den Baudenkmälern zusammentragen.

Literatur:
[1] Robert Neuhaus, Teilhaber A. Stief, Architekten, Mönchengladbach Parkstr. 1. Koblenz: Rekord Druckerei u. Verlagsanstalt o.J. [ca. 1926].
[2] Scherschel, Annelie: Wohnhäuser in Mönchengladbach-Rheydt zwischen 1880 und 1915 : stilistische Betrachtungen zu 35 Jahren Baukunst in Rheydt / vorgelegt von Annelie Scherschel Saarbrücken, Univ., Diss., 1995.

Dank an Christina Berg, RhAD, die Verf. auf die Neuhaus-Sammlung im StA Mönchengladbach aufmerksam machte, Herrn Lammers (StA Mönchengladbach), Herrn Ewers (StA Viersen) und Ellen Westerhoff (UDB Viersen).

Text (ohne Abbildungen) aus: Denkmalpflege im Rheinland 17 (2000) H.4, S.168-170

 

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