Notizen

 

Vivacon/Allensbach-Studie “Denkmalbauten in Deutschland”
Pressemeldung auf www. presseportal.de
[25.11.2006]

 

Zum Thema: “Kirchensterben”

Webblog “Kirchenschwinden
Wikipedia-Artikel “Kirchenschließung
Hürth-Kalscheuren: St. Ursula (Gottfried Böhm, 1954-56), 2006 entweiht
Wolfgang Pehnt: Artikel “Deutschland schleift seine Gotteshäuser” in der FAZ 29.05.2005 (alternativer Link) / “Kirchen auf Abbruch” - Vortrag Evangelische Akademie Recklinghausen 22.03.2006 / Bericht über einen Vortrag in Köln (koelnarchitektur.de) /
Artikel v. Joachim Güntner, NZZ 24.04.2006
Veranstaltungsreihe des Architektur-Forum Rheinland “Die Kirche im Dorf lassen”
Homepage des Bistums Essen / Sammlung von Presseberichten u.a. (06.08.2006)

Stadtentwicklung
Duisburg: „Was wird aus unseren Kirchen?“

Am 10. November 2005 war die mehrere hundert Menschen fassende Oberkirche der Liebfrauenkirche in Duisburg voll besetzt. Allerdings nicht zu einem Gottesdienst. „Was wird aus unseren Kirchen?“ lautete vielmehr die Frage, die auch zahlreiche Interessierte (und Betroffene) von außerhalb zum Kommen animiert hatte. Eingeladen zu einer Diskussionsveranstaltung mit ausgesuchten Experten auf dem Podium hatte das Stadtentwicklungsdezernat der Stadt Duisburg, das mit diesem Thema seine neue Veranstaltungsreihe „Stadtentwicklung im Dialog“ einleitete.

Den Anfang machte also das „Kirchensterben“. Etwa 120 Kirchen sind im Anfang 2005 veröffentlichten Zukunftskonzept des Ruhrbistums Essens zur Disposition gestellt, zunächst 20 davon im Stadtgebiet von Duisburg, deren Zahl dann im Januar 2006 auf 16 reduziert wurde. Hinzu kommen natürlich auch noch evangelische Kirchen, zu denen aber noch keine verlässlichen Zahlen vorliegen.

Nach der Begrüßung durch Stadtentwicklungsdezernent Jürgen Dressler zeigte Matthias Ludwig vom EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart (Marburg/Lahn) zunächst in einem instruktiven Kurzvortrag Beispiele schon umgenutzter Kirchen aus ganz Deutschland. Angesichts der Vielfalt an Möglichkeiten merkte er jedoch auch kritisch an, dass nach seinem Eindruck häufig zu schnell allein Aufgabe und Neunutzung verfolgt würden, und dass vor allem Kirchengemeinden selbst zu wenig an eigene, nicht-gottesdienstliche Zwecke dächten: partielle Umnutzungen, Verlagerung von Gemeindezentrumsfunktionen in die Kirche als Kristallisationsort der Gemeinde, auch teilweise Überlassung an andere Träger oder Konfessionen. Wichtig sei bei allem zudem die Transparenz der Diskussion – da die Kirchen für die Menschen über ihre Nutzung hinaus immer auch hohe symbolische Bedeutung besäßen. Herbert Fendrich, Bischöflicher Beauftragter für Kunst und Kirche im Bistum Essen, erläuterte anschließend die wie er es ausdrückte „fatale Sondersituation“ seines Bistums, das als einziges der deutschen Bistümer öffentlich nicht von ca. 2-5 %, sondern 30 % aufzugebender Kirchen in seinem Bereich ausgeht. Er verwies vor allem auf die finanzielle Lage des jungen, vielleicht in den 1960/70er Jahren zu rasch zu expansiv aufgebauten Ruhrbistums, das sich in einer der am intensivsten sich wandelnden und dabei großenteils schrumpfenden Region Deutschlands befindet, wodurch ohnehin vorhandene demographische und soziale Entwicklungen noch verstärkt würden: das Aufgeben von Kirchen sei letztlich unumgänglich, um die drohende Pleite des Bistums abzuwenden.

Natürlich war der Ort der Veranstaltung mit Bedacht gewählt, zählt doch die Liebfrauenkirche ebenfalls zu den von der Aufgabe bedrohten „weiteren Kirchen“ im Bistum Essen. Dieter Blümer von der gastgebenden Kirchengemeinde erläuterte kurz das Konzept der daraufhin gegründeten Stiftung mit dem höchstsymbolischen Namen „Brennender Dornbusch“, die materiell und ideell die Basis für einen Erhalt des Gebäudes bilden soll. Angedacht ist eine teilweise Weiternutzung (der kleineren Unterkirche) als Gottesdienststätte und eine Umnutzung der großen Oberkirche möglicherweise zu kulturellen Zwecken - wobei die Innenstadtlage hier sicher andere Voraussetzungen bietet als sie für Kirchengebäude in den Stadtteilen oder an der Peripherie gelten.

Wie die Umnutzung von Kirchengebäuden konkret aussehen kann, hat Prof. Hannes Hermanns, Kleve/Köln, mit seinen Architekturstudenten an der FH Köln durchgespielt – die dabei entstandenen Entwürfe waren an diesem Abend im Seitenschiff der Liebfrauenkirche ausgestellt. Auf dem Podium betonte Hermanns, Sohn von Toni Hermanns, dem Architekten der Liebfrauenkirche 1960, die raum- und ortbildende Kraft von Architektur, aus der die Bedeutung einer Kirche wesentlich erwachse – eine Nutzung müsse und könne dem Raum so eingepasst werden, dass die Identität des Bauwerks als Raumschöpfung gewahrt bleibe.

Claudia Euskirchen, Leiterin der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Duisburg, brachte dann zunächst eine historische Aufweitung der Perspektive ins Spiel. „Was wird aus den Kölner Kirchen?“ habe bereits der Titel der Diskussionsveranstaltung zum Wiederaufbau der Kölner Kirchen 1949 gelautet. Unübersehbar ist die Zahl der im Laufe ihrer Geschichte umgenutzten oder (vorübergehend) säkularisierten Kirchen, viele haben nur durch auf den ersten Blick unwahrscheinlich oder unmöglich erscheinende Nutzungen überlebt. Von den 20 in Duisburg bedrohten Kirchenbauten, darunter Werke von Hans Schilling, Fritz Schaller, Rudolf Schwarz und Emil Steffann, sind bislang nur zwei in die Denkmalliste eingetragen und weitere sieben als Baudenkmale erfasst, was jedoch in erster Linie auf das bekannte Begutachtungsdefizit bei Nachkriegskirchenbauten zurückzuführen ist. Euskirchen stellte auch die Frage, ob nicht vielleicht jede Kirche aus sich heraus bereits Denkmal sei? In der aktuellen Situation sei es aber vor allem wichtig, über denkmalrechtliche Unterschutzstellungen hinaus interdisziplinär nach Lösungen für die vielen Einzelfälle vor Ort zu suchen. Und wenn für die Relikte des untergegangenen Industriezeitalters oder eine großflächige Kulturlandschaft wie das Mittelrheintal ein übergeordnetes Management installiert werden konnte, das sich als sehr hilfreich in der Steuerung der damit verbundenen Wandlungsprozesse bewährt habe, frage sie sich, ob das nicht auch für das „Kirchensterben“ politischer Wille der überregional hierzu Berufenen sein müsste.

Stadtentwicklungsdezernent Jürgen Dressler schließlich, für klare Worte bekannt, verwies auf die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, denen sich eine „schrumpfende Stadt“ wie Duisburg gegenüber sehe, mit einem Strukturwandel, dessen Auswirkungen schon in wenigen Jahren sich heute wohl die Allermeisten noch nicht recht vorstellen könnten oder möchten. Offene Diskussionen wie diese, was gesteuert werden kann, aber auch, was aufgegeben werden muss, seien daher wichtig und notwendig – kein Widerspruch also, sondern durchaus den Gedanken der städtischen Denkmalpflegerin aufnehmend.

Zwischen den Statements der Podiumsteilnehmer erweiterten Beiträge aus dem Publikum die mit großem sachlichen Ernst geführte Diskussion. Dabei wurde nicht nur der symbolhafte Rückzug überkommener Kultur gegenüber dem Kommerz beklagt, wie er sich gerade am Standort der Liebfrauenkirche manifestiere, appelliert wurde auch, die architektonische Qualität der zeittypischen Betonkirchen der 1960er und 1970er Jahre nicht gering zu schätzen, was leider allzu häufig immer noch geschehe. Deutlich überwiegend und durch Applaus gestützt war die insbesondere von katholischer Seite bekräftigte Ablehnung einer Übergabe von christlichen Kirchen an muslimische Gemeinschaften. Angesprochen auf bau- und nachbarschaftsrechtliche Hindernisse bei der konkreten Umsetzung vieler Umnutzungsideen meinte Dezernent Dressler, er sehe hier in der Tat auf Gesetzgeberseite Handlungsbedarf; solche Konflikte dürften angemessenen und machbaren Neunutzungen, die letztlich den Fortbestand der Gebäude sicherten, nicht grundsätzlich im Wege stehen.

Umrahmt wurde die mehr als zweistündige Veranstaltung durch Schautafeln, Modelle und Auslagen mit Informationen zu Ansprechpartnern und Verfahrensfragen – und durch Orgelmusik, dargebracht durch den Orgelexperten Stephan Pollok, der auch für Erläuterungen zur außergewöhnlichen „Trompeten-Orgel“ der Liebfrauenkirche zur Verfügung stand. Die Resonanz nicht nur bei den Anwesenden, sondern auch in der Ortspresse war eindeutig positiv. In dieser Form ist die Veranstaltungsreihe „Stadtentwicklung im Dialog“ ganz sicher geeignet, Themen gerade auch dieser Dimension öffentlich zu diskutieren und zu verhandeln – unter selbstverständlicher und selbstbewusster Einbeziehung der Denkmalpflege.

Marco Kieser
(erschienen in: Denkmalpflege im Rheinland 23, 2006, H.1, S.37-39)

 

Neuerscheinung: Hörsaal, Amt und Marktplatz. Forschung und Denkmalpflege im Rheinland, Festschrift für Udo Mainzer zum 60. Geburtstag
Zum 60. Geburtstag von Landeskonservator Udo Mainzer, Direktor des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege, ist im Juli 2005 eine Festschrift mit dem beziehungsreichen Titel „Hörsaal, Amt und Marktplatz. Forschung und Denkmalpflege im Rheinland“ erschienen. Darin würdigen Schüler, Weggefährten und Freunde nicht nur den Denkmalpfleger, sondern vor allem auch den Hochschullehrer Udo Mainzer, der seit vielen Jahren als Kommunikator zwischen Universität, Fachamt, Politik und Bürgern wirkt.

Aus dem Inhalt: Probleme der archäologisch-baugeschichtlichen Datierung von ländlichen Pfarrkirchen im Rheinland (Günther Binding) / Architekturfragmente aus der mittelalterlichen Stiftsbebauung von St. Gereon in Köln (Ute Verstegen) / Neue Beiträge zur Baugeschichte der Duisburger Stadtmauer (Holger Mertens) / Architekturstil und Zeitbewusstsein in der Malerei Stefan Lochners (Stephan Hoppe) / Rheinische Arkadenhöfe des 16. Jahrhunderts (Norbert Nußbaum) / Ein Stadtmodell von Wesel im Musée des Plans-Reliefs, Hotel des Invalides, zu Paris (Klaus Freckmann) / Das Gefängnis in Aachen – Ein Nachruf (Susanne Braun) / Die erste Duisburger Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts. Überlegungen zum Umgang mit einem städtebaulichen Denkmal (Claudia Euskirchen) / Wilhelm Kreis und Piranesi (Wolfgang Brönner) / Der Grenzlandring (Marco Kieser) / Italianismus in der rheinischen Sakralarchitektur des 20. Jahrhunderts (Andreas Baumerich) / Kinoräume der 1950er Jahre in Nordrhein-Westfalen (Stefanie Lieb) / Die Duisburger Mercatorhalle (Jörg Rüter) / Köln und die Alweg-Bahn (Ute-Beatrix Sardemann) / Der Bonner Münsterplatz nach 1945 (Andrew Macneille) / Bauen wider die Angst – Historismen um die Wende zum 21. Jahrhundert (Gudrun Escher) / Schule und Judenfriedhof (Gert Ressel) / Rekonstruktionen historischer Gärten im Rheinland (Ulrich Stevens) / Identität und Denkmalpflege (Annette Roggatz) / Aus dem Häuschen: Denkmalpflege wird öffentlich (Sabine Cornelius).

Hörsaal, Amt und Marktplatz. Forschung und Denkmalpflege im Rheinland, Festschrift für Udo Mainzer zum 60. Geburtstag, hrsg. v. Claudia Euskirchen, Marco Kieser u. Angela Pfotenhauer (= Sigurd-Greven-Studien, Bd. 6), Regensburg: Schell & Steiner, 2005. – 280 S., zahlr. Ill., ISBN 3-7954-1766-X, 39,80 Euro.
 

Tag des offenen Denkmals 2004 am 12. September ...
... im Rheinischen Amt für Denkmalpflege / Abtei Brauweiler: Programm
... in Viersen: Programm
... in Deutschland: Info und Programm (05.09.2004)

Forschungsprojekt und Datenbank zur Architektur und Ingenieurbaukunst der 50er, 60er und 70er Jahre in NRW
“Der Lehrstuhl Denkmalpflege und Bauforschung der Universität Dortmund führt im Rahmen eines vom Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW geförderten Forschungsprojektes eine Recherche zur publizierten Architektur der Nachkriegszeit durch.
In der vorliegenden Datenbank wurden Bauten und Projekte aus dem Großraum Nordrhein-Westfalen verzeichnet, die zwischen 1946 und 1976 in einer der führenden Baufachzeitschriften oder in der zeitgenössischen Fachliteratur veröffentlicht wurden. Mit den bibliographischen Angaben, biographischen Informationen zu den Planern und weitergehenden wissenschaftlichen Erhebungen sollen Recherchen zur Architektur der Nachkriegszeit unterstützt werden.” (18.08.2004)

Neue Online-Dissertation - Susanne Braun: Das Gefängnis als staatliche Bauaufgabe dargestellt am Beispiel der Kölner Strafanstalt "Der Klingelpütz" (1834-1838 und 1843-1845)
”Die Arbeit fragt nach den Voraussetzungen, die das Gefängnis zur staatlichen Bauaufgabe haben werden lassen, und untersucht die architektonischen Besonderheiten des Bautyps. Im Mittelpunkt steht die Untersuchung der Kölner Strafanstalt, genannt Klingelpütz, die der Kölner Regierungsbaumeister Matthias Biercher entworfen und in zwei Bauphasen (1834-38 und 1843-45) ausgeführt hat. Als Vergleichsbauten werden zeitnah entstandene Haftanstalten im damaligen Deutschland, in England und den USA herangezogen und hinsichtlich ihres Vorbildcharakters für die architektonische Umsetzung befragt. (...)” (18.08.2004)

 

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