Viersen, Klosterstraße 8, Gemeinschaftsgrundschule Stadtmitte (ehem. Körnerschule u. Klosterschule)

Von “Klosterschule” und “Körnerschule” zur Gemeinschaftsgrundschule

Die heutige städtische Gemeinschaftsgrundschule Stadtmitte setzt sich aus zwei historischen Hauptgebäuden zusammen: dem älteren der ehemaligen Schule an der Klosterstraße (1908/09) und dem etwas jüngeren der ehemaligen Schule an der ehem. Körnerstraße (1913/14). Beide wurden als katholische Volksschule errichtet, die “Klosterschule” für Mädchen, die “Körnerschule” für Jungen. Den Entwurf für beide Gebäude lieferte Stadtbaumeister Eugen Frielingsdorf.

Mit der nationalsozialistischen Schulreform 1939 wurden die beiden Schulen vorübergehend zusammengelegt. In den nur wenig kriegsbeschädigten Gebäuden konnte bereits im Sommer 1945 der Unterricht wieder aufgenommen werden. Nach der Aufteilung des Volksschulwesens in Grund- und Hauptschulen 1968 wurde im Gebäude Klosterstraße eine evangelische Grundschule, im Gebäude Körnerstraße eine katholische Grundschule eingerichtet. Nur vier Jahre später erfolgte die Zusammenlegung zur Gemeinschaftsgrundschule Stadtmitte.

Beschreibung Klosterschule

Das Gebäude an der Klosterstraße ist mit einer stattlichen, vergleichsweise aufwändig gestalteten Backstein-Putzfassade mit zwei Vollgeschossen (dazu Sockel- und Dachgeschoss) zum Schulhof hin ausgerichtet. Da die beiden Eingänge jeweils in den Schmalseiten angeordnet sind - der eine mit Freitreppe und ausschwingenden Wangenmauern zur Klosterstraße gerichtet, der andere von einem südlich angebauten Wandelgang aus - konnte die nach Westen gerichtete Hauptfassade ganz den Klassenfenstern vorbehalten bleiben. Entsprechend der Klassenzahl zu sieben Vierergruppen zusammengezogen, stellen diese hochrechteckigen, im Erdgeschoss segmentbogig schließenden Fenster mit ihren charakteristischen Sprossenteilungen eines der prägenden Gestaltungsmerkmale der dreimal vier Achsen breiten Fassade dar. Die beiden anderen sind der Materialwechsel von Backsteinverblendung im Sockel- und Erdgeschoss zur Putzfläche des Obergeschosses sowie der breite Mittelrisalit, der von einem Zwerchhaus mit abschließendem Krüppelwalm überhöht wird. Backstein- und Putzflächen sind auf Brüstungshöhe der Obergeschossfenster zinnenartig miteinander verzahnt. Lisenenartige Binnengliederungen in der Putzfläche und geometrisch geschmückte Brüstungsfelder schmücken zusätzlich die Wand. Ein Walmdach mit je einer Dachgaube pro Fläche schließt den Baukörper ab.

An die südliche, von der Straße abgewandte Schmalseite ist ein gedeckter Gang angebaut, der zum Hof in korbbogigen Arkaden geöffnet ist. Er übernimmt den Materialwechsel (Backsteinverblendung des Sockels) und verbindet das Hauptgebäude mit einem Abortgebäude (gegenüber den Entwurfszeichnungen heute purifiziert). In seiner Rückwand ist ein Wandbrunnen integriert, der von einem Backstein-Korbbogen überfangen ist.

Die zur Stadt gewandte Rückseite ist etwas weniger aufwändig gestaltet; die Fensteranordnung ist hier unregelmäßiger und folgt im wieder als Risalit vortretenden Mittelteil der Steigung des inneren Treppenlaufes.

Man betritt das Gebäude auf beiden Seiten jeweils durch originale zweiflügelige Holztüren mit Glaseinsatz. Der Eingang zur Klosterstraße hin ist unter einem Bogen und erhöht über einer Freitreppe eingenischt; er besitzt ein großes, vertikal gesprosstes Oberlicht, welches dem Eingang vom Wandelgang aus fehlt. Dort wiederum ist innen durch eine zweite Doppeltür mit Oberlicht ein Windfang eingerichtet. Beide Eingänge führen geradewegs in den rückwärtig gelegenen Flur, der einen einhüftigen Grundriss definiert (Klassen an einer Seite eines direkt belichteten Flures). Alte Rahmen-Füllungstüren mit durch Rauten und Kanneluren ornamentierten Zargen sind erhalten. Das alte Treppenhaus mit (z.T. verkleideten) Steinstufen wird geschmückt durch das originale Metallgeländer mit geometrischen Mustern, welche auch in der Fenstervergitterung des Sockelgeschosses und den Brüstungsgittern des Wandelganges auftreten. In allen Geschossen sind im Bereich der Treppe Trinkbrunnen auf den Fluren angeordnet. Als weitere historische Elemente sind z.T. (Treppenhaus, Flur) alte Fenster erhalten. Der Grundriss des Erdgeschosses wird im Obergeschoss wieder aufgenommen. Das Dachgeschoss wurde jüngst ausgebaut; der bereits zuvor dort vorhandene Raum besitzt einen teilweise freiliegenden Dachstuhl.

Beschreibung Körnerschule

Das zur ehem. Körnerstraße gelegene, als ebenfalls siebenklassige Volksschule für Jungen erbaute Gebäude ist ein über Sockel verputzter zweigeschossiger Bau auf L-förmigem Grundriss, dessen liegend gelagerter Baukörper asymmetrisch gestaltet ist. Hier ist das linke Gebäudedrittel der zum Hof gerichteten Fassade besonders betont, da es den Eingang aufnimmt und dementsprechend von einem Dreiecksgiebel überfangen wird. Es handelt sich dabei um die Stirnseite des parallel zur Körnerstraße angeordneten Flügels, der mit einem Satteldach gedeckt ist, wohingegen die Hoffassade mit einem Mansarddach versehen ist.

Diese Hauptansichtsseite ist ansonsten gegliedert durch die Vierergruppen der hochrechteckigen Klassenfenster mit geradem Sturz, deren einheitliches Format oberhalb des Eingangs zugunsten größerer Breite leicht variiert ist. Die Brüstungsfelder zwischen den Geschossen sind durch Rechteckfelder betont, ansonsten ist die Fassade bis auf den von einem gebrochenen Giebel überfangenen Eingang schmucklos. Kleine Dachgauben gliedern in regelmäßigen Abständen das Mansarddach.

Als zweite Ansichtsseite nimmt der kürzere, insgesamt sechs Fensterachsen breite Flügel am heutigen Willy-Brandt-Ring die Wandgestaltung der Hofseite auf; auf einer geschlossenen Wandfläche im Obergeschoss ist eine Schmuckkartusche mit der Inschrift ERBAUT 1914 angebracht.

Der Eingang ist über wenigen Treppenstufen unter Rundbogen eingenischt. Durch die alte zweiflügelige hölzerne Eingangstür in Rahmen-Füllungsbauweise mit Glasfenstern und senkrecht gesprosstem halbrunden Oberlicht gelangt man in das Innere, welches wie im anderen Gebäude einhüftig angeordnet ist. Im Erdgeschoss befinden sich drei, im Obergeschoss vier Klassenzimmer; die heutige Aula mit teilweise offen liegendem Dachwerk im Mansard-Dachgeschoss ist im Entwurfsplan als Turnraum bezeichnet. Direkt neben dem Eingang sah der Entwurf im Erdgeschoss Lehrer- und Rektorzimmer vor. Das gegenüber dem Eingang gelegenen Treppenhaus (Treppe mit Steinstufen, gerade, zweiläufig mit Wendepodest) ähnelt dem der ehem. Klosterschule, mit gleichen Ornamenten im Metall-Brüstungsgeländer und schönem hölzernen Handlauf auf winkelförmigen Trägern mit Rosettenmotiv. Auch hier sind etwas schmucklosere Rahmen-Füllungstüren und z.T. alte Fenster erhalten. Im Obergeschoss gibt es im Flur noch einen Trinkbrunnen.

Der Keller ist nicht zu Unterrichtsräumen ausgebaut.

Auf dem Schulhof ist dem Schulhaus ein kleines, heute etwas purifiziertes Abortgebäude mit steilem Satteldach beigestellt.

Baugeschichtliche Würdigung

Werner Mellen vergleicht in seinem Aufsatz über Stadtbaumeister Frielingsdorf die beiden Schulgebäude wie folgt: “Im architektonischen Ausdruck ist durchaus eine Entwicklung erkennbar (...), obwohl zwischen beiden Entwürfen nur etwa sechs Jahre liegen. Der achsiale Aufbau der Schule Klosterstraße wird an der Körnerstraße abgelöst von einer freieren Grundrißdisposition, der relativ reiche Fassadenschmuck mit leichten Anklängen von Jugendstilmotiven weicht zurückhaltenden Putzgliederungen in der Fassade der Körnerschule” (Mellen, S.217f.).

Die nicht mehr historistische, in sachlicher Weise jedoch weiter mit traditionellen Baukörpergliederungen und Formen arbeitende Gestaltung des Außenbaus an beiden Bauten entspricht der üblichen Praxis gemäßigt-konservativer Reformarchitektur vor dem Ersten Weltkrieg. Der Unterschied zu voraufgegangenen Formvorstellungen, wie sie z.B. in der neugotischen Backsteinarchitektur des ehemaligen Gymnasiums an der Wilhelmstraße verwirklicht sind, ist offensichtlich und wurde auch schon von Frielingsdorf herausgestellt (Frielingsdorf, S.41).

Gemäßigte Reformvorstellungen der maßgeblich von süddeutschen Bauschulen (z.B. Theodor Fischer in München u. Stuttgart) geprägten antihistoristischen Bewegung treten auch in der einhüftigen Grundrissanordnung zutage, die gegenüber der Mittelflur-Lösung als fortschrittlich zu bezeichnen ist. Die Ausrichtung der Klassenzimmer erfolgte bautypüblich nach Süd / Südwest, gleichzeitig treten die beiden Schulhäuser in der rechtwinkligen Stellung zueinander platzräumlich in Bezug. Besondere Erwähnung verdient die Prägnanz, mit der die Funktionalität des Inneren (Klassenräume, Flur, Treppenhaus) am Außenbau eindeutig abzulesen ist, ohne dass dies die baukünstlerische Gestaltung allein dominieren würde.

Der Ausbau des Schulwesens zählt zu den zentralen Infrastrukturmaßnahmen der wachsenden Städte zwischen etwa 1850 und dem Ersten Weltkrieg. Auch in Viersen waren diese Jahre eine Hochphase des Schulbaus. Zwischen 1908 und 1914 entstanden nach Entwurf Stadtbaumeisters Frielingsdorf die Schulen an Klosterstraße, Wilhelm- bzw. Heimbachstraße (evang. Volkschule; 1909), Regentenstraße (1911) und Körnerstraße. Mit ihnen kam der im 19. Jahrhundert begonnene Ausbau des Schulwesens aber auch vorläufig zu einem Ende. 1930 musste die Stadtverwaltung (im Buch Deutschlands Städtebau: Viersen, Dülken, Süchteln) feststellen, dass nach dem Krieg in Viersen keine nennenswerten baulichen Entwicklungen auf diesem Gebiet mehr statt gefunden hatten. Erst die Grundschule in Hamm brachte wieder einen zeitgemäßen Neubau, dessen bemerkenswerte architektonische Gestaltung durch Willy Esser im Vergleich mit u.a. den beiden Schulhäusern an Kloster- und Körnerstraße einen auffälligen architektonischen Wandel verdeutlicht.

Eugen Frielingsdorf (1869-1946) war von 1906 bis 1934 der erste Stadtbaurat in Viersen. Zuvor hatte er nach einem Studium an der renommierten Technischen Hochschule in Hannover ab 1902 im städtischen Hochbauamt in Köln gearbeitet, wo er bereits mit Schulbauten betraut gewesen war. Zahlreiche öffentliche Gebäude der seinerzeit wachsenden Stadt stammen aus seinem Büro, darunter neben der Festhalle auch die genannten Schulbauten. “An Eugen Frielingsdorfs Wirken in Viersen läßt sich exemplarisch ablesen, wie eine aufstrebende Mittelstadt den städtebaulichen und baulichen Aufgaben in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts gerecht zu werden versuchte” (Mellen, S.221). Unabhängig davon handelt es sich bei beiden historischen Schulhäusern der heutigen Körnerschule um besonders qualitätvoll gestaltete Zeugnisse der Architektur vor dem Ersten Weltkrieg.

Wegen ihrer architektur- und ortsgeschichtlichen Bedeutung wurden die beiden historischen Hauptgebäude der heutigen Gemeinschaftsgrundschule Stadtmitte am 21. Mai 2001 in die Denkmalliste eingetragen.

Literatur u. Quellen

Stadtarchiv Viersen, Akte VIE 3290, 2/01/7
Festschrift 75 Jahre Körnerschule 1914-1989
Viersen, Dülken, Süchteln. Bearb.: Stadtbaurat Frielingsdorf, ( = Deutschlands Städtebau), 2. Aufl., Berlin 1930.
Werner Mellen: Eugen Frielingsdorf (1869-1946). Viersens erster Stadtbaurat, in: Heimatbuch Kreis Viersen  37 (1986), S.211-221.

Diesem Text liegen die Denkmalliste der Stadt Viersen und das baugeschichtliche Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege (Landschaftsverband Rheinland) zu Grunde.

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