Dülken - Entlang der Theodor-Frings-Allee
Tag des offenen Denkmals 2002

Im 19. Jahrhundert wächst die aufstrebende Industriestadt Dülken über die engen Grenzen des mittelalterlichen Stadtkerns hinaus. Die Befestigungsanlagen hatten früher bereits ihre Verteidigungsfunktion verloren, waren teilweise verfallen oder abgebrochen. Seit ungefähr 1825/30 wurden Graben und Wälle an Bürger verkauft. Außerhalb der Stadtmauer siedelten sich vor allem Industriebetriebe an, auch an den traditionellen Ausfallstraßen und -wegen entstanden vereinzelt Bauten.
Um trotz der privaten Baufreiheit, die seit napoleonischer Zeit galt, das Städtewachstum planerisch zu lenken, bestimmte die preußische Regierung per Erlass 1834, dass in der Rheinprovinz Stadtbaupläne erarbeitet werden sollten.
Im Gebiet des Regierungsbezirkes Düsseldorf mit seiner großen Zahl expandierender „Industriedörfer“ wurden insgesamt 28 Orte mit mehr als 2000 Einwohnern verpflichtet, solche Pläne aufzustellen. Viersen, Dülken und Süchteln waren zunächst nicht darunter - Viersen, obwohl es 1836 bereits 3625 Einwohner hatte (die Gründe für die Nicht-Einbeziehung sind unbekannt), Dülken mit 1938 Einwohnern und Süchteln mit 1390 Einwohnern lagen noch unter dem Richtwert.
Gleichwohl herrschte auch hier auf Grund der fortschreitenden Industrialisierung eine erhebliche Wachstumsdynamik. 1856 wurde in Viersen ein Stadtbauplan aufgestellt und 1860 von der Regierung auch genehmigt, in Dülken (1870: 5728, 1910: 10518 Einwohner in der Stadtgemeinde) erarbeitete 1857 der Geometer Nonnenbruch einen Plan, der jedoch nicht offiziell genehmigt wurde.
1889 wurde in Dülken mit Rudolf Ulrich erstmals ein Stadtbaumeister angestellt. Ulrich legte 1894 einen umfangreichen Bauplan vor, der weit in die Landgemeinde ausgriff. Auch wenn er nur ansatzweise verwirklicht wurde, gab er dennoch vor allem in der zentrumsnahen Bereichen und an einigen wichtigen Achsen z.B. zwischen Altstadt und Bahnhof wesentliche, bis heute erkennbare Leitlinien vor. Es handelte sich dabei - wie schon bei den Stadtbauplänen der Jahrhundertmitte - in erster Linie um einen Straßenverlaufsplan, ohne Vorgaben zu Art und Maß der Bebauung.
Bereits mehr als 20 Jahre zuvor, 1871, war mit der Friedenstraße, der heutigen Theodor-Frings-Allee, eine neue Straße südwestlich des Stadtkerns angelegt worden - gleichsam ein Viertel einer Ringstraße, die mit Venloer Straße (im Westen) und Langer Straße (im Süden) zwei der Hauptachsen der Stadt außerhalb des eigentlichen Ortskerns verband. Als städtebaulicher Bezugs- und Blickpunkt wurde gleichzeitig in der südwestlichen Ecke die Höhere Bürgerschule errichtet. Eine rahmende Bebauung folgte jedoch eher langsam. In den 1880er Jahren entstanden die meisten der repräsentativeren Wohnhäuser auf der stadtabgewandten Seite (gerade Hausnummern), erst in den 1890er Jahren errichteten örtliche Bauunternehmer die Reihenwohnhäuser auf dem Gelände des ehemaligen Stadtgrabens zwischen Straße und Stadtmauer.
Entscheidend für die städtebauliche Verdichtung war sicher der Neubau des Rathauses 1895. Interessanterweise ist im gleichzeitigen Bebauungsplan noch keine Platzanlage vorgesehen. Eine solche lag dann aber nahe, als das Rathaus zunächst statt in die Breite in die Tiefe entwickelt werden musste, weil das südlich angrenzende Grundstück, auf dem dann 1909/10 die Erweiterung statt fand, seinerzeit noch nicht in städtischem Besitz war. Deshalb wurde auch der Eingang auf die nördliche Seite verlegt. Das mit seiner Formensprache auf das Rathaus antwortende Eckgebäude Theodor-Frings-Allee 18 entstand 1897, seine endgültige bauliche Fassung erhielt der Platz 1904 bzw. 1914 mit der Errichtung der westlichen Wohnhäuser (Am alten Rathaus 2, 3, 4). Die repräsentative Stellung der Straße wurde durch die Gestaltung als Allee betont.
1985/86 wurden die bis auf wenige Ausnahmen erhaltenen Gebäude dieses markanten „Gründerzeit“-Ensembles in die Denkmalliste eingetragen.

 

links: Bebauungsplan 1894
unten: Am Alten Rathaus

1. „Rathausplatz“

Die querrechteckige Aufweitung seitlich der Theodor-Frings-Allee wird im Süden vom Rathaus, im Westen und Norden von repräsentativen Wohnhäusern mit Vorgärten gerahmt. Die Platzmitte ist als heckengesäumte Rasenfläche mit einer zentralen großen Blumenschale gestaltet.

Am Alten Rathaus 1, ehem. Rathaus
Baujahr: 1895/96; Erweiterungsbau 1909
Bauherr: Stadt Dülken
Entwurf: Rudolf Ulrich, Stadtbaumeister; 1909: Willy Esser (Viersen)
Stattliches Verwaltungsgebäude in Neurenaissanceformen, wobei sich der 15 Jahre jüngere Erweiterungsbau, ebenfalls mit roten und weißen Ziegeln strukturiert, stilistisch geschickt anpasst. Eckturm und Schweifgiebel akzentuieren die Eingangsfassade zum Platz hin. Im Inneren sind noch größere Teile der originalen Ausstattung, darunter Treppenhäuser, Bodenfliesen, Türen und der Sitzungssaal mit Holzvertäfelung und zeitgenössischen Gemälden zur Geschichte Dülkens erhalten.
Das alte Rathaus der Stadt Dülken befand sich am Markt. Nach einem Brand 1791 bezog die damalige Verwaltung zunächst ein anderes Haus am Markt, seit 1835 war sie im Kreuzherrenkloster, ab 1857 in dem gegenüberliegenden v. Heisterschen-Haus untergebracht. 30000 der insgesamt 78800 Mark Baukosten des Neubaus stiftete der Fabrikant Eduard Wünnenberg.

Am Alten Rathaus 2 und 3
Baujahr: 1914
Bauherr: Theodor Fürwentsches sen.
Entwurf: P.J. Adrians & Co., Bauabteilung (Viersen)
Die Doppelvilla bildet zusammen mit dem Nachbargebäude Nr. 4 den westlichen Abschluss des Platzes. Vor- und Rücksprünge, Eckturm sowie verschiedene Aufbauten auf dem steilen Walmdach kennzeichnen den malerisch gegliederten Baukörper. Außen und innen hat der Bau leider einige Modernisierungen erfahren, seinen Charakter aber bewahrt. Von besonderer platzräumlicher Bedeutung ist hier wie am Nachbargebäude auch die erhaltene Einfriedung des Vorgartens.

Am Alten Rathaus 4
Baujahr: 1904
Bauherr: Gerhard Gatzenmeier
Entwurf: Jakob Heuter
Stattliche freistehende Villa mit aufwändiger, ornamentierter Putzfassade. Auch hier trägt die Einfriedung entscheidend zum Platzbild bei. Im Inneren ist das Haus ebenfalls gut erhalten, u.a. Treppe, Wandverkleidungen, Stuckdecken und Marmorböden der Erbauungszeit.
„1878 gründete der Kaufmann Gerhard Hub. Gatzenmeier ein Handelsgeschäft in Leder und Schuhmacherbedarfsartikeln, das im Laufe der Jahre zu einem der bedeutendsten dieser Branche wurde. Infolge seines und seines Sohnes Tode ging dasselbe 1912 durch Kauf in andere Hände über, von denen es dem Vernehmen nach mit gutem Erfolg unter der Firma G.H. Gatzenmeier Nachfolger weitergeführt wird.“ (Doergens 1925, S.303)

Theodor-Frings-Allee 18
Baujahr: 1897
Bauherr: Carl Nierhoff (Krefeld)
Entwurf: Franz Fuesers
Das Eckhaus zur Theodor-Frings-Allee antwortet mit seiner zweifarbigen Backsteinfassade und den mächtigen Eckgiebeln dem kurz zuvor errichteten Rathaus. 1919 war das Haus im Besitz von Ferdinand Fuesers.

 

oben links: Am Alten Rathaus 4
oben rechts: Theodor-Frings-Allee 32
links: Theodor-Frings-Allee an der Ehrenmalanlage

2. Südliche Theodor-Frings-Allee

Zwei mächtige Giebel bilden hier Blickpunkte: derjenige der Rathauserweiterung für von Osten, von der Lange Straße her kommende Betrachter sowie der neugotische der ehemaligen Schule für die von Norden die Allee entlang Schauenden. Schule und Rathaus sind eine Art „Gelenk“ in der Straßenkurve.
Die ehemalige Schule war 1872 das erste Gebäude an der ein Jahr zuvor neu angelegten Straße. Es folgt eine Zeile mit in den 1880er Jahren errichteten, spätklassizistisch-schlichten Wohnhäusern, von denen das Doppelhaus 28/30 1904 eine historisierende Neugestaltung erfuhr. Den Auftakt zur Theodor-Frings-Allee bildet schließlich ein frei stehendes Backstein-Wohnhaus von 1927, das wegen seiner gestalterischen und städtebaulichen Qualität als einziges „jüngeres“ Gebäude in diesem Bereich denkmalgeschützt ist. Auf der anderen Straßenseite, unmittelbar an der Stadtmauer, befindet sich die weitläufige Ehrenmal-Anlage mit dem Siegfried-Denkmal des Kölner Bildhauers Willy Meller, die 1934 angelegt wurde.

Theodor-Frings-Allee 22 (ehem. Schule)
Baujahr: 1872 (Erweiterung 1910)
Bauherr: Stadt Dülken
Entwurf: Karl Adolf Krüger (Düsseldorf)
Das durch farbig abgesetzte Strukturglieder (Lisenen, Bögen, Friese, Treppengiebel) neugotisch gegliederte Backsteingebäude wurde 1872/73 als Höhere Bürgerschule bezogen. Seine Errichtung geht maßgeblich auf eine Spende des Dülkener Ehrenbürgers Matthias Bücklers zurück. Die ursprünglich symmetrische Fassade erhielt 1910 eine Verlängerung um zwei Fensterachsen nach Westen. Heute dient das Haus als städtisches Verwaltungsgebäude.
Die durch ihr Maßwerk ausgezeichneten Obergeschossfenster im Eingangsrisalit kennzeichnen die dahinter befindliche ehemalige Aula (heute Trausaal) mit gut erhaltener Raumausstattung. Ferner befindet sich im Inneren, neben dem Eingang, eine nachträglich eingebaute, barocke Doppeltür mit Oberlicht. Sie soll aus dem alten, 1791 abgebrannten Dülkener Rathaus stammen.
Der Architekt Karl Adolf Krüger (1803-1873) führte seit 1852 als Regierungs- und Baurat im Dienst der kgl. Regierung in Düsseldorf zahlreiche öffentliche Bauvorhaben durch. Der gebürtige Potsdamer war ein Absolvent der Berliner Bauakademie und wohl auch ein guter Bekannter Schinkels.

Theodor-Frings-Allee 24 u. 26
Baujahr: 1885
Bauherr: Heinrich Fürwentsches
Entwurf: Heinrich Fürwentsches
Das zweigeschossige Doppelhaus mit Satteldach prägt, in einer Zeile mit den Häusern Nr. 28/30 gegenüber der alten Stadtmauer gelegen, das Straßenbild. Die spätklassizistische Putzfassade der beiden Häuser, bis auf den Hofdurchgang im Haus Nr. 24 nahezu baugleich, gliedert sich jeweils in vier Achsen und erfährt durch Sockel, Sohlbank, Kranzgesims sowie durch den erdgeschossigen Bänderputz zwischen den Fenstern eine horizontale Gliederung. Während in Nr. 24 noch typische Teile der Originalausstattung erhalten sind, wurde Nr. 26 zugunsten einer Praxisnutzung innen stärker modernisiert.

Theodor-Frings-Allee 28 u. 30
Baujahr: 1889 (Neugestaltung 1904)
Bauherr: Eduard Wünnenberg
Entwurf: Jos. Gormanns - Neugestaltung 1904: Willy Esser (Viersen)
Das 1889 erbaute Doppelhaus glich ursprünglich seinen Nachbargebäuden, erhielt aber 1904 eine aufwändige Backstein-Putzfassade mit Erker, Zwerchhausgiebeln und Eckturm sowie historistischem Schmuckdekor. Im Inneren sind Teile der Originalausstattung, insbesondere Marmorwandverkleidungen und -böden sowie das Treppenhaus erhalten.
Der Bauherr des Hauses, Eduard Wünnenberg, Besitzer der gleichnamigen Fabrik, trug 1895 mit einer Spende zum Bau des Rathauses bei. Willy Esser, der Architekt des Umbaus, entwarf in Dülken etwa gleichzeitig das Kaiser-Friedrich-Bad und kurze Zeit darauf die Erweiterung des Rathauses.

Theodor-Frings-Allee 32
Baujahr: 1927
Bauherr: Peter Wans
Entwurf: Albert Rangette
Das hinter einem kleinen Vorgarten freistehende, zweigeschossige Backsteingebäude mit Walmdach leitet von der Lange Straße kommend in die Theodor-Frings-Allee ein. Die Vorsprünge des straßenseitigen Erdgeschosserkers sowie des seitlichen Eingangs differenzieren den fein detaillierten Baukörper. Bemerkenswert sind die gegliederten originalen Fenster, darunter erdgeschossig Schiebefenster mit liegend rechteckiger Sprossenteilung. Böden, Türen und Treppe spiegeln im Inneren die Raumausstattung der Bauzeit wider.

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