Burgstraße 4 und 6 - zwei Wohnhäuser des Architekten Bernhard Pfau

 

Burgstraße 4
Baujahr: 1931/32
Bauherr: Walter Kaiser
Architekt: Bernhard Pfau, Düsseldorf
Ursprüngliche und heutige Nutzung: Wohnhaus
Das Einfamilienhaus Burgstraße 4 liegt in ruhiger Lage am Rande der Innenstadt von Viersen, gegenüber der Parkanlage „Alter Stadtgarten“. Der Architekt Bernhard Pfau erbaute für den Bauherrn Walter Kaiser (Firma "Kaiser's Kaffee Geschäft") 1931/32 das Einfamilienhaus. Nach der Beschlagnahmung des Hauses 1945 durch die Besatzungsbehörden plante Kaiser mit dem selben Architekten Wand an Wand 1951 einen Neubau, in kleineren Dimensionen. Bewährte Einzelformen des alten Baues und die Öffnung des Wohnbereiches zum Garten, zur Natur, wurden Bestandteil auch der neuen Planung.
Das Gebäude Burgstraße 4 steht Wand an Wand mit dem "Neubau" Nr. 6, der leicht nach hinten gesetzt dem Altbau den "Vortritt" läßt. Es ist ein zweigeschossiger, breitgelagerter Flachdachbau in Backstein, der stark die Horizontalität betont durch: die Querformate der Fenster, die hellen Putzflächen im Obergeschoß, das leicht vortretende Betongesims zwischen Putz und Backsteinmauer, die Anordnung der Backsteine und deren stegartige Verfugung, die Backsteinmauer als optische Verlängerung der Straßenfront zum linken Nachbarn. Die Eingangsnische liegt ungefähr in der Mitte, rechts davon eine kleinere Tür mit begleitendem Fenster zur Küche und daneben das dreiteilige Garagentor, das seitlich verschiebbar ist. Links neben dem Eingang wurde vor ein paar Jahren das segmentbogig nach außen gewölbte, wandhohe Treppenhausfenster in milchiger Verglasung durch ein rauhes Fensterband im Plastikrahmen verdeckt.
Die Rückseite des Hauses öffnet sich im Wohn- und Eßbereich vollständig zum Garten. Große gläserne Schiebetüren ermöglichen die Öffnung der Erdgeschoßräume nach draußen. Den Schlafzimmern des Obergeschosses ist eine weiträumige, nicht überdachte Terrasse vorgelagert.
Die Innenaufteilung ist äußerst funktional vom Keller bis zum Obergeschoß.
Die 1920/30er Jahre sind im wesentlichen durch zwei unterschiedliche Stilrichtungen geprägt, dem Heimatstil und dem durch das Bauhaus propagierten "Neuen Bauen". Der Heimatstil fühlt sich der Tradition verbunden und greift gerne auf landschaftstypische Elemente zurück, während sich das "Neue Bauen" in rational-kubischer Formensprache präsentiert.
Durch die Verwendung des am Niederrhein üblichen Backsteines verbindet Pfau beide Tendenzen, gibt aber der klar gegliederten kubischen Architektur den Vorrang.
Die Burgstraße 4 ist ein Frühwerk eines bedeutenden Architekten, dessen Haupttätigkeit nach dem 2. Weltkrieg einsetzt (u.a. in Düsseldorf: das Haus der Glasindustrie, das Studienhaus, das Neue Schauspielhaus von 1960-69, das als erster Theaterbau nach dem 2. Weltkrieg errichtet wurde). Das Haus Kaiser ist ein anschauliches Beispiel der frühen Tätigkeit Pfaus, die ganz wesentlich vom Gestalten des Interieurs lebt. Das äußere Erscheinungsbild ist untergeordnet. Pfaus vorzügliche Ausbildung als Möbel- und Architekturzeichner, der nach 1928 zusammen mit seiner Frau zahlreiche Inneneinrichtungen und Läden gestaltete, ist deutlich erlebbar.
Die künstlerische Einheit, die 1919 im Programm des Bauhauses als erstrebenswert formuliert wird und die Wiedervereinigung aller werkkünstlerischer Disziplinen zu einer neuen Baukunst, führt Pfau mit der Burgstraße 4 überzeugend vor.

Burgstraße 6
Baujahr: 1952/53
Bauherr: Walter Kaiser
Architekt: Bernhard Pfau, Düsseldorf
Ursprüngliche und heutige Nutzung: Wohnhaus
Die Planungen für das Einfamilienhaus gehen auf das Jahr 1951 zurück. Der Bauherr Walter Kaiser plante nach der Beschlagnahmung seines Hauses Burgstraße 4 durch die Besatzungsbehörden einen Neubau in kleineren Dimensionen, bei dem bewährte Einzelformen und Inneneinrichtungen des "Altbaus" z.T. wieder aufgenommen werden sollten.
Beide Häuser zeichneten sich in ihrer Zeit durch für eine Kleinstadt ungewöhnliche moderne Bauformen aus. Das Haus liegt am Rand der Innenstadt gegenüber der Parkanlage von 1901. Das ganze Areal gehörte früher zum sogenannten Goeterspark des Viersener Fabrikanten Goeters. Reste dieser Parkanlage lassen sich in Gestalt von altem Baumbestand und einer Grotte aus Basaltlava aus der Zeit um 1900 in dem großen Garten noch ablesen. Die Einbeziehung der Natur/des Gartens ist Bestandteil der Planung des Wohnhauses.
Das Haus ist ein zweigeschossiger langgestreckter Flachbau mit ganz leicht gesatteltem Flachdach. Der Bau ist voll unterkellert, zugehörig eine Garage als Annex an der rechten Seite des Hauses. Die Straßenfassade zeichnet sich durch eine glatte Front aus, die zu etwa 3/4 in eine Wandfläche aus Glasbausteinen in hochrechteckigem Eisenbetonraster aufgelöst ist. Der Eingang befindet sich als eingeschnittene Nische in der linken Haushälfte. Die drei Fensteröffnungen im Obergeschoss sind von querrechteckigen Putzflächen umgeben, ebenso der Lüftungsschlitz im Erdgeschoss. Die Brandmauern sind in roter Ziegelausführung lisenenartig vorspringend, wodurch eine interessante kontrastierende Farbkomponente ins Spiel kommt. Die aus dem Industrie- und Zweckbau herkommende Glasbausteinwand lässt den Betrachter zunächst über die Nutzung des Gebäudes im Unklaren.
Ganz anders stellt sich die Rückseite des Hauses dar. Im Gegensatz zur abweisend wirkenden und geschlossenen Straßenfront öffnet sich hier das Haus zum Garten bis hin zur völligen Auflösung der Wand in Glas im Esszimmer und Wohnbereich.
Die Innenaufteilung ist äußerst funktional vom Keller bis zum Obergeschoss. Im Erdgeschoss sind alle Zimmer durch Türen miteinander verbunden. Das Treppenhaus, durch das gedämpfte Licht der Glasbausteine erhellt, atmet eine großzügige Leichtigkeit.
Das Haus zeichnet sich außen wie innen durch weitgehenden Originalzustand aus.

Texte: Fred Pollmanns, Verein für Heimatpflege e.V. Viersen, unter Verwendung der Eintragungstexte aus der Denkmalliste, Untere Denkmalbehörde der Stadt Viersen, sowie von Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege (LVR)

 

weitere Informationen: Der Architekt Bernhard Pfau

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