Viersen, Am Alten Stadtgarten - Baudenkmäler der Jahrhundertwende und der 30er/50er Jahre an einer historischen Garten- und Parkanlage
Tag des offenen Denkmals 2002

1. Allgemeines

Stra√üen, Pl√§tze und Ensembles - das sind nicht nur f√ľr den Denkmalschutz relevante R√§ume, sondern gleichzeitig auch Orte intensiver √∂ffentlicher Nutzung. Sie stehen daher immer im Konfliktfeld verschiedenster Interessenlagen. In vorindustrieller Zeit hat die Anpassung der √ľberlieferten Bausubstanz an aktuelle Erfordernisse gleichzeitig den Bestand gesichert, auch wenn Ver√§nderungen und Umnutzungen vorgenommen wurden. Denn diese Ver√§nderungen waren handwerklicher Art und dadurch schonender und denkmalvertr√§glicher. Werden heute Stra√üen und Pl√§tzen auch nicht mehr so rigoros umgestaltet wie es das Betonieren und Asphaltieren der siebziger Jahre mit sich brachte, so ist dennoch der Verkehr nach wie vor eines der wichtigsten Problemfelder beim Erhalt historischer Stra√üenz√ľge. Au√üerdem beg√ľnstigen Planungsrealit√§t und Bautechnik, Bodenrecht, Bauordnungsrecht und Investitionsentscheidungen auch heute den Neubau. Die Bodenpreise in den Stadtzentren tragen dazu bei, da√ü gro√üen parzellen√ľbergreifenden Projekten der Vorrang einger√§umt wird. In der aktuellen Denkmalpflegediskussion wird immer wieder darauf hingewiesen, wie selten etwa bei Planungskonzepten der Erhalt von Denkmalen auch als Ressourcenschutz ber√ľcksichtigt wird.

Gleichzeitig steht heute die Stadtentwicklungspolitik vor immer komplexeren Aufgaben. Einwohnerr√ľckgang, Leerstanddiskussion und R√ľckbau werfen neue Fragestellungen auf. Gefragt sind mehr als je zuvor ganzheitliche Konzepte f√ľr das gesamte Stadtgebiet oder sogar die ganze Region. Andererseits w√§chst das Bewu√ütsein, da√ü Attraktivit√§t, Image und Unverwechselbarkeit einer Stadt durch das reiche bauliche Erbe und durch ein breites kulturelles Angebot wesentlich gepr√§gt werden. Durch die Erhaltung und denkmalgerechte Nutzung des baulichen Erbes selbst er√∂ffnen sich zunehmend Chancen f√ľr die Wirtschaftsf√∂rderung.

(Quelle: Veröffentlichung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, 2002)

Im Stadtteil Viersen haben wir das Wohnquartier um den Alten Stadtgarten herum ausgew√§hlt. Obwohl einige Geb√§ude und der Park bereits Themen von vorausgegangenen Denkmalstagen waren, sollen die einzelnen Geb√§ude, die Gr√ľnfl√§chen aber auch Kunstobjekte im Zusammenhang pr√§sentiert werden und soll deren baugeschichtliche Entwicklung durch eine F√ľhrung nachvollziehbar gemacht werden.

2. Städtebaulicher Bezug

Im ersten Stadtbauplan von 1860 ist vor dem Bahnhof (1866) ein Marktplatz vorgesehen. Die Realisierung unterblieb. Städtebaulich entwickelte sich um diese gärtnerisch genutzte Freifläche bis zur Jahrhundertwende ein repräsentatives Stadtquartier:
Gaststätte Heinrichs (1880/90), heute Dependance der Jugendmusikschule;
Villa L√ľps jr. (1880);
das Rathaus (1887) mit seiner Stuckfassade in der Form der italienischen Renaissance, √ľber dem Eingang das alte Viersener Wappen;
Villa L√ľps/Jonchere (1877), heute Bestandteil des Rathauses;
Villa Ewald Corty (1883), heute Gesellschaft Erholung;
Hotel Lennartz (ca. 1903), im 2. Weltkrieg zerstört, ehemals Bankgebäude;
die Häuserzeile Am Rathausplatz (ca. 1905), heute Carl-von-Ossietzky-Straße;
sowie in der Nachbarschaft die Königsallee und Poststraße mit repräsentativen Stadthäusern ergänzt um die ehemalige Reichsbank (1904).

 

Viersen, Stadtplan 1910 (Ausschnitt)

1901 wird der ‚ÄěRathausplatz‚Äú durch den D√ľsseldorfer Gartenarchitekten Reinhard in einen Barockgarten verwandelt. Das Entree der Stadt Viersen, das sich dem Besucher nach Verlassen des Bahnhofes, bis ca. 1917 in der Achse der heutigen Bahnhofstra√üe zeigte, hatte damit den st√§dtebaulichen Rahmen gefunden, den die Planer vorweggenommen haben.

Die Verlagerung der Eisenbahntrasse nach Osten und damit der Neubau des Bahnhofsgeb√§udes (1917) am heutigen Standort, erm√∂glichten den Ausbau einer √∂stlichen Umgehungsstra√üe, die B 7, die Freiheitsstra√üe. Ab 1927 schlie√üt der Neubau der Reichspost das heutige Stadtquartier nach S√ľdosten ab.

3. Heutige Situation

Mit dem Aktionstag 2002 will der Viersener Heimatverein i.V. mit der Unteren Denkmalbehörde am Beispiel des Wohnquartiers "Alter Stadtgarten" die vorgenannten Qualitäten und die bekannten Konflikte aufzeigen:

Die privaten Wohnh√§user Bahnhofstra√üe 31, Burgstra√üe 6 und Carl-von-Ossietzky-Stra√üe 2 bis 12, sind im Sinne des Denkmalschutzgesetzes von den heutigen Eigent√ľmern erhalten, restauriert und gepflegt worden. Sie sind positive Beispiele in der Stadt Viersen f√ľr das Thema Denkmalschutz.

Die ehemalige Reichspost von 1927 steht teilweise leer; die Fassade ist gef√§hrdet, die T√ľrelemente sind total ver√§ndert. Ist die k√ľnftige Nutzung mit dem Denkmal vereinbar? W√§re das Geb√§ude nicht eine Alternative zum geplanten Rathausneubau?

Die ehemalige Gaststätte Heinrichs mit Wohnung ca. 1890 , Bahnhofstraße 33, ab etwa 1970 Dependance der Jugendmusikschule, steht heute im Eigentum der Stadt Viersen. Die Veräußerung an einen privaten Investor ist beschlossene Sache. Gehen dessen Überlegungen einher mit dem notwendigen sorgsamen Umgang mit diesem Gebäude, das stadtbildprägend ist an der Nahtstelle zwischen der Parkanlage und den Straßenkreuzen Bahnhof- und Burg- sowie Parkstraße.

Die Fassaden mit ihren Details des alten Rathauses von 1887 und der ehemaligen Villa L√ľps von 1877 (ab 1915 B√ľrgermeisterwohnung, ab 1937 Teil des Rathauses) haben nahezu 130 Jahre unbesch√§digt √ľberstanden. Die Nutzung der R√§ume als B√ľros, Technikr√§ume usw. f√ľr die Stadtverwaltung haben allerdings starke Verschlei√üspuren an der z.T. sehr anspruchsvollen Innenarchitektur hinterlassen. Werden im Rahmen des geplanten Umbaus zum Technischen Rathaus diese Wunden und Narben wieder zu heilen sein? Hier liegt eine Chance!

Die heutige Denkmalpflege betrachtet das historische Bauwerk nicht mehr isoliert, sondern auch auf die Umgebung bezogen. Denn das Bild unserer St√§dte und D√∂rfer ist nicht nur durch die Summe einzelner Bauten gepr√§gt, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Vielmehr wird die Ausstrahlung eines Ortes zugleich von dem Verh√§ltnis der Bauten zueinander bestimmt, von den historischen Stra√üen und Pl√§tzen, den Stra√üenf√ľhrungen und Stadtvierteln. Siedlungsstrukturen und Stadtgestalt verraten vieles dar√ľber, wie die Menschen in der Vergangenheit gebaut haben. Stra√üen, Pl√§tze und Ensembles sind aber auch die Orte √∂ffentlichen Lebens, zeigen, wie sie fr√ľher genutzt und gestaltet wurden und wie wir heute mit ihnen umgehen. So sind etwa historische Altst√§dte, die substanzschonend restauriert wurden, nicht nur ‚Äěbegehbare Geschichtsb√ľcher" und als solche f√ľr den Fachmann und den interessierten Besucher gleicherma√üen faszinierend. Sie stellen mit ihren vielf√§ltigen Strukturen und ihren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Eigenarten die Quellen lokaler Identit√§t dar.

Das Thema ‚ÄěEin Denkmal steht selten allein: Stra√üen, Pl√§tze und Ensembles" soll diese wichtigen st√§dtebaulichen Aspekte der Denkmalpflege, die einen Fokus der gegenw√§rtigen fachlichen Diskussion bilden, einen Tag lang in den Vordergrund stellen.

Text: Fred Pollmanns, Verein f√ľr Heimatpflege e.V. Viersen

 

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