Zur Geschichte der ehem. Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannisthal in Süchteln
heute: Rheinische Kliniken Viersen

Vogelschau 1906

Die erste „Provinzial-Irrenheilanstalt“ der Rheinprovinz wurde 1825 in der Abtei Siegburg eingerichtet. Zwischen 1872 und 1882 lösten fünf neue Anstalten in Andernach, Grafenberg, Merzig, Düren und Bonn das inzwischen veraltete, gefängnisartige Haus in Siegburg ab, außerdem gab es eine Reihe weiterer Einrichtungen in zumeist geistlicher Trägerschaft. Drängende Missstände führten in den 1890er Jahren zu einer Neuorientierung staatlicher Fürsorge, und der Provinziallandtag beschloss 1897 u.a. den Bau zweier neuer Anstalten in Langenfeld (Galkhausen) und Krefeld. Als letztere jedoch nicht zustande kam, erfolgte 1900 eine neue Ausschreibung für den Regierungsbezirk Düsseldorf; unter 30 Bewerbern erhielt Süchteln den Zuschlag.

Bei der Bewerbung wurde besonders die herausragende landschaftliche Lage des angebotenen Geländes mit seinem altem Baumbestand, gutem Verkehrsanschluss durch die vorbeiführende Eisenbahn sowie das Fehlen störender Industrie herausgestellt. Der bis dahin hier weitgehend allein gelegene, seit dem 16. Jahrhundert belegte Boscherhof wurde in die Anstalt integriert.

1902 begannen die Bauarbeiten, 1905 wurden die ersten Patienten eingeliefert und am 14. Juli 1906 erfolgte die offizielle feierliche Eröffnung der Anlage mit 800 Betten, in der neben „Geisteskranken“ auch Epileptiker untergebracht wurden. Bereits 1909 kamen vier neue Gebäude für nochmals 240 Patienten hinzu. Das hier verwirklichte therapeutische Reform-Konzept des „Offen-Tür-Systems“, bei dem auf gefängnisartige Sicherungs- und Isoliermaßnahmen verzichtet wurde, ging baulich einher mit der Pavillonbauweise, die im Krankenhausbau seit Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet war. Anstelle von großen Zentralgebäuden wurde der Anstaltsbetrieb auf zahlreiche Einzelgebäude kleinen Umfangs in einer bewusst parkartig gestalteten Umgebung verteilt. Neben hygienischen Vorteilen galten die Naturnähe mit großzügiger Belichtung und Durchlüftung sowie der wohnhausartige Charakter der Patientenhäuser als wichtige therapeutische Faktoren: „Mit dem Bau dieser beiden Anstalten, die in die Landschaft hineingewachsenen Dörfern glichen, in denen für die psychisch Kranken ausdrücklich eine ‚Wohnung’ entstand, hat die Anstaltspsychiatrie im Rheinland ihren Höhepunkt erreicht. Die Kranken wurden nunmehr akzeptiert als Menschen, die ein Anrecht auf wohnliche Atmosphäre, auf Bilder, ‚gefällige’ Möbel und Blumenschmuck haben. Gleichzeitig bildeten die Abschaffung der Isolierzellen und die Einführung der Bettenbehandlung das sichtbare Zeichen für die geänderte Betrachtungsweise. Der psychisch Veränderte war nicht mehr der furchterregende, gefährliche ‚Irre’, sondern ein kranker Mensch“ (I. Kastner). Nach ähnlichem baulichen Prinzip wurde ab 1908 auch noch die Anlage in Bedburg-Hau bei Kleve ausgeführt.

Entwurf und Planung stammen von der Hochbauabteilung der Rheinischen Provinzial-Verwaltung (Ostrop, Baltzer, Hirschhorn); der ab 1902 als örtlicher Bauleiter fungierende Paul Hirschhorn gilt als maßgeblicher Architekt. Zwar erfolgten nach dem Ersten Weltkrieg bis heute noch mehrfach Neubauten, Erweiterungen, auch einzelne Abbrüche, und es kamen andere Kliniken hinzu, darunter 1921 eine „Provinzial-Krüppelanstalt“ (heute Rheinische Klinik für Orthopädie) und 1962 die Rheinische Landesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, deren teils mehrstöckige Bauten im Norden den Rand der Höhen prägen. Die ursprüngliche Anlage der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt ist dennoch immer noch in dichter, weitgehend ungestörter Anschaulichkeit erhalten und wurde daher 1996 als Einzeldenkmal in die Denkmalliste eingetragen.

Link: Die Geschichte der Rheinischen Kliniken Viersen auf den Webseiten des Landschaftsverbandes Rheinland

Die Klinik als Park

Die gesamte Klinik ist in ein parkartig gestaltetes Gelände eingepasst, was es mehr als rechtfertigt, sie an einem Tag des offenen Denkmals, der unter dem Motto „Rasen, Rosen und Rabatten“ steht, vorzustellen.

Zwar sind bauzeitliche Pläne speziell zur Landschaftsgestaltung nicht bekannt, doch finden sich in den zeitgenössischen Beschreibungen, welche die Bauabteilung der Provinzialverwaltung veröffentlichte, doch einige Hinweise auf die Absichten der Entwerfer. So wird häufig betont, dass die Gebäude in vorhandenes Gelände eingefügt worden seien. Man habe schonend in den Wald und den Baumbestand hineingebaut, und dazwischen „hübsche Spazierwege“ und „schattige Ruheplätze“ angelegt: „Demgemäß sind die drei Anstalten Galkhausen, Johannistal und Bedburg-Hau … in eine größere Zahl von Einzelgebäuden aufgelöst; jedes Haus ist unter Berücksichtigung der Geländeverhältnisse möglichst in einen Rahmen von Grünanlagen gestellt; wo Baumbewuchs vorhanden war, wurde er sorgsam geschont und zur Förderung des Eindrucks einer behaglichen zwanglosen Wohnstätte der Kranken benutzt.“

Zum Gelände in Süchteln heißt es in der Rückschau 1925: „Für die Einrichtung dieser Anstalt wurde in der Nähe der Stadt Süchteln ein geeignetes Gelände erworben, dessen Größe durch späteren Hinzukauf auf rund 576 Morgen gebracht ist. Es bildet ein gut abgerundetes, zusammenhängendes Ganzes, fällt vom Gipfel der sogenannten Süchtelner Höhen, die eine Erhebung von 48 m über der Ebene aufweisen, sanft ab bis zur Stadt und hat landschaftlich infolge seiner welligen Bodenoberfläche und der schönen Waldbestände eine der anmutigsten Lagen am Niederrhein. (...) Die Gesamtgestaltung der Anstaltsgebäude ist wesentlich beeinflußt durch die Oberflächengestaltung des Baugeländes und den schönen Baumbestand, der in Gestalt eines hochstämmigen Buchenwaldes mehr als 200 Morgen des Anstaltsgrundstückes bedeckt. Beide Faktoren brachten es mit sich, daß die Hauptwegeachsen in stark geschwungener Führung angelegt werden mußten, so daß der Lageplan auf den ersten Blick eine gewisse Ordnung und Symmetrie vermissen läßt.“

Die Wegeführung hat sich im Laufe der Zeit natürlich etwas verändert, das Grundprinzip der „gekurvte Linie“ blieb aber erhalten. Der Baumbestand ist gegenüber dem Zustand vor Anlage der Klinik, als hier vor allem im Süden des Baugeländes noch eher heideähnliches Gebiet war, noch größer geworden; inmitten des Geländes ist heute sogar ein Baumlehrpfad angelegt, der auch einige wertvolle Solitärbäume wie Eschen, Stieleiche, Tulpenbaum oder Trompetenbaum einbezieht. Ein grünes Refugium für sich bildet schließlich der klinikeigene Friedhof, ursprünglich etwas außerhalb des eigentlichen Anstaltsgeländes im Nordwesten in den Hang hinein gebaut (weil er kaum historische Grabsteine enthält, wurde er nicht in die denkmalrechtliche Unterschutzstellung miteinbezogen).

In das Gelände eingefügt sind auch mehrere Gedenksteine: einer zur Erinnerung an die Einweihung am 14. Juli 1906, ein Kriegerdenkmal aus den 1920er Jahren, gestaltet als kubischer Natursteinblock, mit einem von Eichenlaub umrankten Stahlhelm besetzt, und - bemerkenswert, weil ganz selten - ein schlichter und leider stark verwitterter Gedenkstein für den Architekten Paul Hirschhorn.

Die Zitate stammen aus: Die Rheinische Provinzial-Verwaltung. Ihre Entwicklung und ihr heutiger Stand, hrsg. zur Jahrtausendfeier der Rheinprovinz von Johannes Horion, Düsseldorf 1925, darin S. 179-212: Paul Baltzer: Provinzial- Heil- und Pflegeanstalten.

Der Architekt Paul Hirschhorn

Die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt ist ein Gemeinschaftswerk der kleinen, zunächst nur zwei Mitarbeiter umfassenden Hochbauabteilung der Rheinischen Provinzialverwaltung, der Vorgängerin des heutigen Landschaftsverbandes Rheinland. Erst 1902, als die grundlegende Planung sicher schon fertig war, wurde zusätzlich zu den Architekten Ostrop und Baltzer ein dritter Architekt als örtlicher Bauleiter eingestellt. Der eigens hierfür eingestellte Paul Hirschhorn erwarb sich aber rasch den Ruf, der eigentliche Architekt der Anlage zu sein, zumal er in den 1920er Jahren dann auch die „Krüppelanstalt“ (Orthopädie) entwarf.

Paul Hirschhorn wurde 1864 als Sohn des Kaufmanns Louis Hirschhorn in Frankfurt am Main geboren. Von Geburt Jude, nahm er später die evangelische Konfession an. Er studierte Architektur in Stuttgart und Berlin. Nach kurzer Tätigkeit als Regierungsbaumeister war er zwischen 1896 und 1902 als freier Architekt in Berlin-Charlottenburg ansässig. Am 1. Juni 1902 trat er als Regierungsbaumeister in den Dienst der Rheinischen Provinzial-Verwaltung, wo ihm die örtliche Bauleitung für Süchteln und später auch für die Heil- und Pflegeanstalt in Bedburg-Hau übertragen wurde. Wegen einen schweren Krankheit wurde er auf eigenen Wunsch zum 1. April 1927 vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Wenige Wochen später, am 12. Juni 1927, ist Paul Hirschhorn im evangelischen Krankenhaus von Münster gestorben.

Als seltene Auszeichnung für einen Architekten wurde ihm zu Ehren auf dem Klinikgelände in Süchteln ein Gedenkstein aufgestellt.

Quelle: Pulheim-Brauweiler, Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Personalakte Paul Hirschhorn.

Literaturauswahl:

Geschichte der Rheinischen Kliniken Viersen im Überblick:
Wolfgang Franz Werner: Grundzüge der Geschichte der Rheinischen Landesklinik Viersen. In: Heimatbuch des Kreises Viersen 48 (1997), S. 165-174.
Bruno Schmidt: Stadt im Grünen. Die Siedlungs- und Entwicklungsgeschichte Süchtelns, Viersen 1999, S. 184-192.
Heinz Prost: Rheinische Kliniken Viersen im Wandel der Zeit. 2., erw. Aufl., Willich 2003.

Medizin- und Therapiegeschichtliche Entwicklung:
Ingrid Kastner: Die Geschichte der Versorgung psychisch Kranker im Rheinland. Diss. Köln 1977.
Heinz-Hubert Breuer: Die historische Entwicklung der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Johannistal und der Orthopädischen Provinzial Kinderheilanstalt zu Süchteln. Diss. Aachen 1991

Zeitgenössische Festschriften:
Die Rheinische Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Süchteln. Köln 1906.
Die Rheinische Provinzial-Verwaltung. Ihre Entwicklung und ihr heutiger Stand, hrsg. zur Jahrtausendfeier der Rheinprovinz von Johannes Horion, Düsseldorf 1925, darin S. 179-212: Paul Baltzer: Provinzial- Heil- und Pflegeanstalten.

Tag des offenen Denkmals 2006

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