erschienen in: Heimatkalender des Kreises Heinsberg 2007, S. 70-96 (geringfügig überarbeitete Fassung)
Redaktionsschluss: Mai 2006
Angaben ohne Gewähr. Dargestellt sind nur gültig in die Denkmalliste eingetragene Objekte. Verbindliche Auskünfte zur Denkmalliste in Erkelenz gibt die Untere Denkmalbehörde der Stadt Erkelenz

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Die Baudenkmäler im Kreis Heinsberg
Stadtgebiet Erkelenz (1. Teil)

Von Marco Kieser

Mit derzeit 324 Positionen ist die Zahl der in die Denkmalliste eingetragenen Baudenkmäler in Erkelenz mehr als viermal so hoch als in Wassenberg, Gangelt oder Geilenkirchen, den in den letzten Jahrgängen des Heimatkalenders vorgestellten Städten und Gemeinden. Bei der systematischen Durchsicht der Liste wurde bald deutlich, dass damit wohl auch eine Grenze überschritten ist, jenseits derer man die Objekte ohne die Segnungen der elektronischen Datenverarbeitung nicht mehr zuverlässig überschauen kann. Über annähernd 25 Jahre haben sich in der konventionell, mit Zettel, Akte und Karteikasten geführten Aufstellung doch einige Auffälligkeiten eingeschlichen – z.B. Lücken in der Zählung (übersprungen? übersehen?) oder ungenaue Adressangaben. Es ist somit ein erfreulicher, nicht nur bürokratischer Nebeneffekt der Vorbereitung dieses Beitrages, dass nun erstmals eine EDV-Erschließung der Baudenkmäler (als Tabelle und, im Rheinischen Amt für Denkmalpflege, als Datenbank) vorliegt. 

Die vergleichsweise hohe Zahl der Denkmäler zwingt an dieser Stelle aber auch zu Beschränkungen: Zum einen muss die Darstellung in zwei Teile aufgegliedert werden. Den Anfang machen hier die Kernstadt und diejenigen Orte, die akut vom Tagebau Garzweiler II bedroht sind; die anderen Ortsteile folgen im Jahrgang 2008. Zum anderen muss die Beschreibung der einzelnen Orte und Denkmäler noch stärker auf ein Minimum beschränkt werden. Dies mag jedoch dadurch mehr als ausgeglichen werden, dass für Erkelenz eine Fülle von ortsgeschichtlicher Literatur vorliegt: Sowohl die Stadtverwaltung als auch der Heimatverein der Erkelenzer Lande haben mit ihren Schriftenreihen in der Vergangenheit ein sehr solides Fundament gelegt, von dem auch die Denkmalpflege profitiert. So liegen z.B. für die christlichen Kleindenkmäler sowie für die Glocken und Orgeln des Stadtgebietes publizierte Inventare vor.

Dass mit den Orten im Tagebau Garzweiler II, wenn er Erkelenz dann erreicht, eine unersetzbare Kulturlandschaft untergeht, braucht an dieser Stelle sicher nicht eigens betont zu werden. In welchem Maße dabei auch Baudenkmäler – bedeutende, wertvolle, typische oder einfach nur schöne – zerstört werden, ist eigentlich nur ein Randthema, angesichts der Vernichtung eines ganzen Lebensraumes. Unter diesen Voraussetzungen haben Fachamt und Behörde im „Braunkohlegebiet“ auch nicht immer mit letztem Nachdruck die Unterschutzstellung der in den 1970er Jahren vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege erfassten Baudenkmäler verfolgt. Das mag erklären, warum so bedeutende Denkmäler wie Haus Pesch oder das Hagelkreuz bei Holzweiler, beide schon im ersten Denkmäler-Inventar 1904 verzeichnet, heute nicht in der amtlichen Denkmalliste auftauchen.

Über eine vertiefte Dokumentation der betroffenen, z.T. hochrangigen Objekte ist seitens des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege im übrigen noch nicht entschieden. Mit der Problematik der Baudenkmäler im Abbaugebiet beschäftigte sich ferner bereits eine kunsthistorische Magisterarbeit von Eva Lehmann-Weingärtner aus dem Jahr 1993.

Mit Erkelenz selbst steht ein „klassischer“, im Mittelalter entstandener Ortskern einer Landstadt im Mittelpunkt, in dem nach starken Kriegszerstörungen außer der Grundrissstruktur zumindest Lambertiturm, Altes Rathaus und Burgruine noch immer anschaulich von spätmittelalterlicher Blüte zeugen. Die Orte in der Börde und im Niersquellgebiet werden von ihren Kirchen, fast durchweg aus dem 19. Jh., den Herrenhäusern und vor allem von den großen Hofanlagen geprägt, welche in Erkelenz auch in einigermaßen angemessener Weise in der Denkmalliste gewürdigt werden. Zwar gilt auch hier, dass bei vertiefter Betrachtung offenkundig wird, wie schwer vor ca. 30 Jahren einer „Schnellinventarisation“ mit lediglich äußerer Inaugenscheinnahme die Auswahl fiel. Hinter vielen Straßenfassaden mögen sich noch weitere bauliche Schätze, z.B. Fachwerkhöfe hohen Alters verbergen, die eigentlich eine intensivere Erkundung verdienten. Gleichwohl ist im Erkelenzer Stadtgebiet die Absicht der Inventarisatoren erkennbar, dorf- und straßenbildprägende Gruppierungen und die aufgrund Größe oder Lage dominanten Höfe aufzunehmen, also auch städtebauliche und siedlungsgeschichtliche Maßstäbe anzulegen. Deshalb – und wegen der erwähnten Platznöte – sind in der folgenden Aufstellung die Hofanlagen ähnlich wie die Kleindenkmäler teilweise zu Gruppen zusammengefasst, unter Verzicht auf Einzelbeschreibungen – auch wenn das dem Rang dieser Bauten (und auch dem Besitzerstolz) sicher Unrecht tut. In den offiziellen Eintragungsbescheiden der Hofanlagen wird außerdem zwar oft nur das Wohnhaus benannt, selbstverständlich ist aber in aller Regel (d.h. wenn nicht nachträglich etwas anderes konkretisiert wurde) die gesamte Hofanlage als Baudenkmal anzusehen.

 

Die Namenskunde sieht in „Erkelenz“ eine Ableitung eines römischen Eigennamens, eine Besiedlung des fruchtbaren Raumes mit römischen Gutshöfen (villae rusticae) wird angenommen. Für die nachfolgende Siedlungsentwicklung in fränkischer und mittelalterlicher Zeit wird eine „Siedlungskammer“ um Erkelenz und Oestrich als Ausgangspunkt sich sukzessive erweiternder Urbarmachung und Rodung zugrunde gelegt. Dabei werden Bellinghoven und Kückhoven einer ersten Ausbauzeit im 8./9. Jahrhundert. zugerechnet, während die auffallend zahlreichen „-rath“-Orte einer späteren Rodungsperiode entstammen dürften. Ortsnamensbestandteile wie „busch“, „holt“ od. „heeg“ verweisen wahrscheinlich auf eine letzte Ausbaustufe im 12./13. Jahrhundert.

Hiervon unabhängig gewachsen sind die Orte im Niersquellgebiet bzw. am westlich/südwestlichen Rand der Börde, die auch in Bezug auf Grund- und Ortsherrschaft lange Zeit eine eigene Entwicklung nahmen. Keyenberg, Holzweiler und Borschemich werden im 9. Jahrhundert urkundlich genannt, für Erkelenz bildet hingegen eine Urkunde über einen Gütertausch zwischen einem Grafen Immo und dem Aachener Marienstift 966 die erste schriftliche Erwähnung. Für diesen Zeitpunkt ist es – zusammen mit Oestrich – wohl als Zentrum eines umfangreichen Fronhofverbandes anzusprechen, das auch bereits seit längerem eine Kirche besaß. Klaus Flink hat dargelegt, dass die an Erkelenz vorbei (und nicht hindurch) führende Heerstraße Köln-Roermond jüngeren Ursprungs gewesen ist als die Siedlung. So sei auch auffällig, dass drei der ehemals vier Stadttore und die landesherrliche Burg im Nordosten zu dieser Straße hin orientiert waren, deren Verlauf im heutigen Zug Kölner Straße-Ostpromenade-Roermonder Straße tradiert wird. Der Grundbesitz des Aachener Marienstiftes bildete lange Zeit die Klammer um den Kernort und die umliegenden Dörfer.

Erkelenz war Verwaltungsmittelpunkt, Marktort und Pfarre der umliegenden Grundherrschaft. Die Anfänge geldrischen Besitzes liegen vermutlich in einem Hof, der 1118 Gerhard von Wassenberg, Graf von Geldern gehörte, der wohl auch Vogteirechte besaß. 1359 wird Erkelenz als geldrisches Amt genannt; es war der südlichste Ort des Herzogtums Geldern, inmitten des Herzogtums Jülich. Als Datum einer Stadterhebung wird häufig zwar das Jahr 1326 genannt. Hier wie anderswo ist aber mit Corsten und Gillessen von einem Prozess auszugehen, der sich unter Graf Reinald II. von Geldern im Laufe der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts durch die sukzessive Verleihung entsprechender Privilegien und die Befestigung vollzog.

Ehemals nahe bei oder unmittelbar vor der Stadt gelegene Siedlungen – v.a. Oestrich, Buscherhof und Brückstraße – sind heute im Weichbild der modernen Stadt aufgegangen. An der Brückstraße z.B. sind die heutigen ortskernnahen Gebäude zwar nicht mehr mittelalterlich, dennoch könnte dieser Bereich, in dem auch keine Baudenkmäler ausgewiesen sind, durchaus mehr bau- und siedlungshistorisches Interesse beanspruchen als bislang geschehen.

Im 18./19. Jahrhundert erlitt Erkelenz (1815-1972 noch Kreisstadt) einen v.a. wirtschaftlichen Bedeutungsverlust. 1852 erlangte es zwar Anschluss an die Eisenbahn, einen industriellen Anschub bewirkte aber erst die Ansiedlung der Int. Bohrgesellschaft Anton Rakys kurz vor der Jahrhundertwende, woraufhin im Süden und Osten neue Industrie- und Wohngebiete entstanden. Heute sind innerhalb des stark expandierten Siedlungsbildes immerhin noch einige Ensembles aus den Gründerzeitjahren (v.a. Theodor-Körner-Straße, Kölner Straße) und vereinzelt auch interessante Bauten der Backsteinmoderne der 1920er Jahre erhalten (z.B. an Theodor-Körner-Straße, Brückstraße und Anton-Heinen-Straße). Die ab 1905 errichteten Arbeiter-Kleinwohnungshäuser im Bereich Glück-Auf-Straße, Rosenstraße u.a., in den 1970er Jahren noch im Blick der Denkmalpflege, sind inzwischen baulich stark verändert. Für die industrielle Entwicklung steht in der Denkmalliste allein der Wasserturm an der Neusser Straße.

Weitere Kapitel:

Erkelenz - Ortskern
Erkelenz - Stadterweiterung
Berverath
Borschemich
Eggerather Hof
Hauer Hof
Holzweiler
Immerath
Keyenberg
Kuckum
Lützerath
Pesch
Roitzerhof
Westrich
Weyerhof

Links:

Artikel Erkelenz in wikipedia
Erkelenz online (virtueller Stadtführer)
Website der Stadt Erkelenz

Literatur:

Inventare, Denkmalpflege, Kunstgeschichte:
[KD] Die Kunstdenkmäler der Kreise Erkelenz und Geilenkirchen. Bearbeiter: Edmund Renard (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 8 II), Düsseldorf 1904.
[HBA] Handbuch des Bistums Aachen. 3. Ausg., Mönchengladbach 1994.
[Dehio] Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen I, Rheinland. München 2005.
[Kubach/Verbeek]: Hans Erich Kubach / Albert Verbeek: Romanische Baukunst an Rhein und Maas. 4 Bde., Berlin 1976ff.
[Pappert] Albert Josef Pappert: Die Kirchenbauten des 19. Jahrhunderts im Kreis Heinsberg. Diss. Aachen 1978.
[Kleindenkmäler] Paul Blaesen: Zeichen am Wege. Dokumentation christlicher Kleindenkmäler in der Stadt Erkelenz (= Schriften d. Heimatvereins d. Erkelenzer Lande 17), Erkelenz 1998.
[Glocken] Hans Hilberath: Glocken und Orgeln des Stadtgebietes Erkelenz (= Schriften des Heimatvereins der Erkelenzer Lande 7), Erkelenz 1985.
[Volksschulen] Josef Lennartz: Das Elementarschulwesen des 19. Jahrhunderts im heutigen Stadtgebiet Erkelenz (= Schriften des Heimatvereins der Erkelenzer Lande 5), Erkelenz 1985.
[Holzskulptur] Spätmittelalterliche Holzskulptur zwischen Maas, Rur und Wurm (= Museumsschriften des Kreises Heinsberg 16), Heinsberg 2001.
[JRD] Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege 1ff. (1925ff.).
[Kisky] Hans Kisky: Gedanken zur Denkmalpflege im Kreis Erkelenz. In: Heimatkalender der Erkelenzer Lande 1960, S. 100-115.
Friedel Krings: Erkelenz (= Rheinische Kunststätten). Neuss 1960.
[Lehmann] Eva Lehmann-Weingärtner: Baudenkmäler der Erkelenzer Börde im Abbaugebiet der Rheinischen Braunkohlenwerke. Magisterarbeit Bochum 1993 [in der Bibliothek d. Rheinischen Amtes f. Denkmalpflege].

Ortsgeschichte:
[Gillessen] Leo Gillessen: Die Ortschaften des Kreises Heinsberg. Heinsberg 1993.
[Mackes] Karl L. Mackes: Erkelenzer Börde und Niersquellengebiet (= Schriftenreihe d. Stadt Erkelenz 6), Mönchengladbach 1985.
[HK] Heimatkalender der Erkelenzer Lande 1952ff.
[HK-Heinsberg] Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1973ff.
Schriftenreihen der Stadt Erkelenz und des Heimatvereins der Erkelenzer Lande.

Topografie:
Wilfried Krings: Erkelenz zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In: HK 1968, S. 103-119.
Studien zur Geschichte der Stadt Erkelenz vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit (= Schriftenreihe d. Stadt Erkelenz 1), Köln 1976.
[Städteatlas] Rheinischer Städteatlas. Lf. III, Nr. 15: Erkelenz. Bearb.: Klaus Flink, Köln 1976.
Josef Lennartz / Theo Görtz: Erkelenzer Straßen (= Schriften des Heimatvereins der Erkelenzer Lande 3), Erkelenz 1982.
Theo Schreiber: Erkelenz im Spiegel amtlicher topographischer Karten. In: Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1999, S. 74-95.

Bildbände:
Edwin Pinzek: Erkelenz – eine Stadt ändert ihr Gesicht. Mönchengladbach o.J. (1966).
Edwin Pinzek: Erkelenzer Land – Kunstwerke und Baudenkmale. Rheydt 1973.
Kulturlandschaft Erkelenzer Börde. Hrsg.: Stadt Erkelenz, Erkelenz 1990.
Edwin Pinzek: Kostbares und Schönes im Kreis Heinsberg. Kunstwerke und Baudenkmäler, Geilenkirchen 1998.

Bei der Zusammenstellung dieses Beitrags halfen im Rheinischen Amt für Denkmalpflege Sylwia Ulhaas, Grit Kelschinske u. Dr. Lutz-Henning Meyer, außerdem für die Untere Denkmalbehörde der Stadt Erkelenz Heino Knippertz.

Karten: RWE Power im rheinischen Braunkohlerevier, 2006

 

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